Der nächste Tag bricht an, mit dröhnendem Kopf erwache ich in der Spilunke, in der Luft hängt kalter Rauch, einige Zwerge sitzen noch schlafend an den Holztischen. Die Visionen der Nacht scheinen von mir gefallen, Dwalin wird mich bereits erwarten.
Auch wenn man in den großen Hallen die frühe Tageszeit lediglich erahnen kann, treibe sich erst wenige geschäftige Zwerge herum, die Händler errichten ihre Verkaufsstände, die Schmiedegesellen befeuern die Öfen, die Vermögensverwalter nehmen sich den ersten Wünschen ihrer frühaufstehenden Kunden an – kurz: das Treiben in den Gewölben nimmt zu.
Ich erreiche Dwalins Thronsaal, noch immer glimmen die Reste eines Feuers in der Feuerstelle, der beißende Geruch des Kräutersuds ist bereits verflogen. Zu meiner Verwunderung begrüßt mich ein – so wie mir scheint – vollkommen genesener Elrohir: “Herr Zwerg, seid gegrüßt. Ich bin euch und eurem Fürsten zu tausend Dank verpflichtet. Nie hätte ich gedacht, dass dereinst eine kleine Gruppe aus Zwergen meine Retter stellen würde.” Sind diese Worte des Dankes doch durchaus freundlich gemeint, so erinnern sie mich an die alten Zwistigkeiten, welche vor tausenden von Jahren einen Keil zwischen das Volk der Langohren und das der Langbärte trieben. Lang, lang ist es her, seit das Licht der Lichter, ein Silmaril, von den großen Schmieden aus Nogrod in das Nauglamír eingefasst wurde und aus Habgier und Verlangen ein Krieg entbrannt, der unendlich viel Leid unter beide Völker brachte:
Einst war die Zeit in Belegost
die große Zeit der Zwerge,
als wir, von Aule wahr gemacht,
erwachten unterm Berge.
So schufen wir uns große Hallen
und lebten hier im Frieden,
denn Aule schuf uns nach sich selbst,
der Herr von Erz und Schmieden.
Wir schufen Ringe, Helm und Schild
von wahrer Meisterschaft
so lebten wir für uns allein
und waren doch so voller Kraft.
In einem heissen Sommer dann,
die Schmelzen glühten rot,
da kam ein Elb und bat uns fromm
um Trank und Zwergenbrot.
Wir nahmen ihn gar freundlich auf
und zeigten ihm die Welt
die unser ist und unser bleibt
so auch den Raum der Gold enthält.
Dann setzten wir die Arbeit fort
und schürften Erz und Gemmen
dabei war Glas so leuchtend rein
es schien die Haut zu brennen.
Die Fassung schuf Azaghâl selbst
und setzte ein den Stein
und alle Zwerge sonnten sich
in seinem hellen Schein.
Doch eines Tages hörten wir
wie Lärmen das Gestein durchdrang
es waren die verfluchten Elben
sie wüteten am Bergeshang.
Ein Mensch befahl die Elbenschaar
sein Name war wohl Beren
Die Zwerge wurden umgebracht
sie konnten sich nicht wehren.
Auch plünderten sie ganz Belegost
so mancher Zwerg starb stahldurchbohrt
und auch Azaghâls Meister-Schmuck,
den trugen sie nun mit sich fort.
Die Elben liessen sich verführen
von Gemmen, Sauron, Morgoth gar
doch gelten sie als göttlich nun
und wir als drohende Gefahr.
Wir Zwerge werden allen zeigen,
was es bedeutet stark zu sein
niemand wird uns mehr verlachen
wenn Sauron stirbt durch uns’re Pein.
verfasst von Brimli.
Dwalin betritt den Saal, er wirkt erschöpft, als hätte er die ganze Nacht über einem Plan gebrühtet. “Ah, Dargalin, Elorhir, ihr seid beide schon auf.” Er setzt sich zu uns. “Die Probleme scheinen tiefgreifender zu sein, als wir dachten. Die Grimmhands schmieden dunkle Pläne, doch bin ich sicher, dass die Hilfe des Hexers eine größere Bedeutung hat, als wir bisher annahmen: die Grimmhands haben neue Verbündete.” Dwalin wirkt besorgt, tiefe Falten pflügen seine Stirn. “Dargalin, ich möchte, dass du die Wegstation im Süden der Ered Luin aufsuchst. Vielleicht wissen die dortigen Wachleute mehr über die Verschwörung, die seit Monaten in unseren Landen von den Grimmhands vor unseren Augen verborgen gehalten wurde. Wir müssen erfahren, wer oder was dieser Ivar Bluthand ist und wem er dient.”
Dwalins Aufgabe ist klar, ich packe meine Sachen. Der Rucksack ist vollgefüllt mit Proviant, Werkzeugen, Feuersteinen und einem Seil. Man weiß nie, wofür man ein Seil brauchen kann. Meine Kriegsaxt, welche ich in den Jahren des Wartens in Thorins Hallen schmiedete, schwingt an meiner Seite, als ich die Reise beginne. Noglond liegt nur wenige Tage Fußmarsch im südlichen Gebirge, doch trug mir Dwalin auf, eines der Reittiere der Menschen zu benutzen – die Vorstellung auf diesem riesigen Biest zu sitzen, bereitet mir Magenschmerzen, doch werde ich mich dem Befehl des Fürsten nicht widersetzen. Was werde ich in Noglond in Erfahrung bringen, wie groß ist die Bedrohung für das Zwergenreich?

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