Vor mir breitet sich die schier endlose Weite des verschneiten Thraín-Tals aus, Schneeflocken schweben friedlich durch die kühle Luft.
Seit vielen Jahren ist die Wegestation Noglond für alle Reisenden im Blauen Gebirge ein wichtiger Ruheort. Hier frischen sie ihre Reisevorräte auf, tauschen Neuigkeiten aus fremden Landen aus und begrüßen die Ortskundigkeit der ansässigen Zwerge, denn abseits der Wege lauern die Gefahren der Wildnis, welchen nicht jeder Wanderer gewachsen ist.
Das Tal selbst, südlich der Thorins Hallen gelegen, bietet für eine Vielzahl an friedfertigen Kreaturen einen fast einzigartigen Lebensraum. Da die Zwerge in den vorangegangen Zeitaltern fast ausschließlich Stollen in die Berge trieben und ihre Zivilisation in den Untergrund der Steinwelt verlagerten, blieb die Natur bis auf wenige befestigte Straßen nahezu unberührt, sodass ein Gleichgewicht gewahrt wurde, welches man in den Reichen der Menschen von Mittelerde vergeblich sucht.
Doch gerade diese Naturbelassenheit führte in vergangenen Zeiten zu immer erschwerteren Reisebedingungen für Fremde, berichtet mir Ketill. “Gut zu sehen, dass sich auch die jungen Zwerge für die Wegestation und ihre Gefahren interessieren”, spricht er weiter freudig zu mir, “und so lange wir erfahrenen Wachleute hier sind, werden wir jedem Schutzsuchenden unsere Hilfe zuteil kommen lassen, Dargalin. Doch muss man sich vergegenwärtigen, dass diese Tiere nicht zutiefst bösartiger Natur sind – sie verteidigen sich, suchen nach Nahrungsquellen oder fühlen sich durch die Fremdlinge bedroht.”
“Wir Wachleute in Noglond sind für die Sicherheit auf den Straßen zuständig und wir brauchen deine Hilfe. Gatir, der zweite Wachmann der Station berichtete, dass die Bären im Nordosten immer aggressiver werden; häufiger als früher verlassen sie ihre Höhlen, sie drängen bis auf die befestigte Straße, welche in die Hallen führt, und attackieren wehrlose Händler und andere Reisende. Allein kann er diese Biester nicht zurück treiben.”
Ich beschließe bis zum Morgengrauen zu warten und erst dann zusammen mit Gatir aufzubrechen. Auch wenn diese Tiere nur um ihr Überleben in der Wildnis kämpfen, kann und will ich mein Volk der Gefahr eines Bärenangriffs nicht ausgesetzt sehen.
Der zweite Wachmann erweist sich als überaus naturverbunden. Während wir durch den tiefen Schnee stapfen, unterrichtet er mich in den Grundlagen der Baumkunde, er erklärt mir, woran ich essbare Früchte erkennen kann, wie ich die Kräuter des Waldes am besten zubereiten sollte und vor welchen Kleintieren ich mich in Acht nehmen sollte, da sie trotz ihren kümmerlichen Erscheinung gefährlicher als so mancher Riesenbär sein können.
Schnell erkenne ich die unterschiedliche Spuren der Tiere im frischen Schnee: hier sieht man die Abdrücke eines umherstreundenen Luchses, da die Spuren eines ganzen Fuchsrudels und durch die Lüfte hallt der Ruf bösartiger Hendrevail-Habichte. All dies unterscheide ich schon nach wenigen Stunden Unterricht.
Kurz vor der Dämmerung erreichen wir den Bärenbau. Gatir bemerkt, dass es ungewöhnlich ruhig ist: “Um diese Jahreszeit sollte es hier vor Jungtieren nur so wimmeln.”, erklärt er mir. Wir schleichen uns vorsichtig um den Bau herum, um eine bessere Übersicht zu bekommen. Der Wachmann gibt mir mit einer Handbewegung zu verstehen, dass ich zurückbleiben soll. So sitze ich im kalten Schnee und bewundere die einzigartige Schönheit dieser Landschaft, Schnee fällt von den Zweigen einer Tanne direkt vor mir, ein Schwarm Habichte kreist am Himmel, in der Ferne sehe ich die steilen Hänge der Berge des Westens, welche einst Eriador von Beleriand trennten. Die Eiskristalle des frischen Schnees reflektieren das Sonnenlicht, sodass ich meine Auge schützen muss.
Nach wenigen Minuten kommt Gatir mit trauriger Miene zu mir zurück: “Dargalin, unsere Dienste werden hier nicht gebraucht.” Wir machen uns auf den Rückweg, während er mir erzählt, was er auf seinem Spähgang erblickte: “Die Jungbären sind alle tot. Wie mir scheint, starb das Leittier vor nur wenigen Wochen und seitdem kämpfen die männlichen Bären ununterbrochen untereinander um die Vorherrschaft im Bau. Dies scheint die unterlegenen Tiere immer wieder auf die Straßen getrieben zu haben, da sie als Verlierer des Wettstreits nicht im Rudel verweilen durften. Doch nun muss ein neues Leittier gefunden worden sein, denn ich konnte keine kämpfenden Bären erspähen. Einige weibliche Tiere schienen bereits wieder trächtig und ich glaube, dass das Rudel mit neuem Nachwuchs gesegnet ist und unser Eingreifen hier nicht von Nöten ist.”



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