Mein Schlaf ist unruhig, umnebelt von den Düften des Pfeifenkrautes suchen garstige Träume meine Sinne heim – Träume von längst vergangenen Tagen.
Thralin geht voran, im dichten Nebel sehe ich lediglich das Aufflackern seiner Bergwerksleuchte. Dass sie uns einmal außerhalb der tiefen Stollen den Weg weisen würde, hätte keiner von uns beiden gedacht. Nur wenige Tage, nachdem wir die Eisenberge verließen, finden wir uns in dieser garstigen Natur wieder, das Wetter wird schlechter, starke Winde peitschen uns tagein und tagaus ins Gesicht, schwerer Regen weicht den Waldboden unter unseren Füßen auf und erschwert das Vorankommen, Waldbeeren sind die einzige Nahrungsquelle, das Wild des Waldes scheint sich zu verstecken. Ob es sich vor dem Unwetter schützt oder sich vor einer anderen Bedrohung verbirgt, wissen wir nicht.
“Thralin, bist du sicher, dass wir nicht vom Weg abgekommen sind?”, frage ich. “Seit Tagen irren wir durch diese Wildnis, ohne ein Zeichen anderer Zwerge, niemand kreuzt unseren Weg.”
“Pah, du wirrst mir doch vertrauen, bisher habe ich uns gut geführt”, blafft er mich an, “und außerdem können wir nicht umkehren. Die Eisenberge verdienen ihren Namen kaum noch, zu erloschen sind die Adern, die Ausbeute zu karg. Wie können wir zurückkehren und den anderen berichten, dass wir es nicht einmal zum Erebor geschafft haben?” Mit tief ins Gesicht gezogener Kappe folge ich ihm schweigend. Unser heutiges Nachtlager schlagen wir am Fuße eines kleinen Hügels auf, die dem Wind abgewendete Seite ist schroff und bietet mit ihren überhängenden Felsen ein wenig Schutz vor Wind und Wetter.
Das Feuer lodert, nur wenig Rauch steigt vom feuchten Holz auf, Thralins Brennpulver wirkt wahre Wunder, so dass wir allabendlich heißen Kräutersud schlürfen können. Wie jeden Abend spielt Thralin auf seiner Laute und mit brummenden Sprechgesang beschwört er die Bilder der ersten Zwergentage herauf:
“Khazâd aimênu!
Aus Stein geschaffen.
Aule im Dunkel als Vater bestimmt.
Gebunden an Finsternis und Stein.
Die ersten auf Ardas Antlitz.
Zum Schlafen verdammt.
Robust wie ein Fels.
Als Schürfer berühmt.
Khazâd aimênu!
Die Zwerge sind da.
Von Ilúvatar beschützt.
Auf der Suche nach Mithril.
Von Hämmern geformt.
Mit Kraft ohnegleichen.
Es schützt uns auf ewig.
Wir werden nicht weichen.
Khazâd aimênu!”
Die Worte beleben das Herz wie jeden Abend, der Gedanke an unsere freien Vorfahren zeigt, was wir verloren, als die Ringe der Macht unter die Zwerge kamen. Böse Ideen nisteten sich in den Herzen der Fürsten ein, die Gier nach den Schätzen der Erde trieb sie fortan immer tiefer in das Erdreich. Viele Leben nahm sich der Stein zurück, Opfer des Strebens nach unermesslichen Schätzen und Reichtum. Von einem Funkeln in den Augen berichtet man sich in unserer Heimat, den Eisenbergen, wenn einer unserer Brüdern außer Mineralien nichts mehr in der Seele trägt – wenn sein Herz von nichts anderem belebt werden kann, bis er sich in den Tiefen verliert.
Einige Male glaubte ich dieses Funkeln in Thralins Augen sehen zu können, wenn er von Mithril und den alten Tagen berichtet, doch wahrscheinlich spielten mir meine Sinne böse Streiche. Für heute sind wir weit genug gewandert, schon in wenigen Tagen wollen wir den Erebor im Westen besteigen. Wenn doch das Ziel schon in greifbarer Nähe wäre. Während mein Geist Erholung im Schlaf sucht, glaube ich Thralin leise singen zu hören: “Khazâd aimênu!, Mithril im Stein, Khazâd aimênu! Im Erebor sollst du sein.”

November 11th, 2011 at 02:16
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