Der Zwerg stellt sich mir als Áskell vor, ich lausche seinem Bericht gespannt. Immer wieder überschlägt sich seine Stimme, panisch blickt er umher, seine Erzählung endet in einem Flehen um Hilfe.
Wenig später sehe ich mich in den nördlichen Ausläufern des Blauen Gebirges wieder, den Rucksack voll bepackt, die Worte des nervösen Zwerges noch immer in meinen Ohren hallend. Während ich die Wälder durchstreife und das Umland beobachte geht mir sein Klagen vom verschollen Bruder nicht mehr aus dem Kopf – doch sollte ich von vorn beginnen:
Áskells Bruder, Gellir, war ein angesehener Zwerg in Gondamon. Obwohl er sich für Zwerge untypisch mehr auf das Forschen und die Erkundung fremder Kulturen und Landschaften verstand und weniger am Bergbau und den Tiefen der Minen interessiert war, mochte man sein Wort stets hoch schätzen. Er war ein Diplomat unter uns undiplomatischen Zwergen, er sorgte für gute Handelsbeziehungen mit den Elben des Umlandes und verstand es vortreffliche, und damit meine ich für Zwerge profitable, Konditionen mit den fahrenden Händlern zu auszuhandeln.
Als die Revolte der Grimmhands begann, studierte er deren Verhalten; er ergründete ihre internen Strukturen und kam zu dem Schluss, dass man auf dem Wege der Diplomatie gewiss mit einem führenden Charakter in ihren Reihen reden können müsste – von Zwerg zu Zwerg versteht sich – und damit diesen ganzen Auseinandersetzungen ein Ende bereiten könnte. Also versammelte eine kleine Gefolgschaft um sich und zog zu dem ihm bekannten Lager nördlich von Gondamon. Áskell indes bezweifelte von Anfang an ein erfolgreiches Gelingen dieser diplomatischen Mission und bangt seit Tagen um das Leben seines Bruders. Und nun gehe ich hier inmitten dieses lichten Waldes allein auf eine Reise, deren Ausgang so ungewiss wie die Gellirs ist.
Wie mir beschrieben wurde, ist von weit her ein alter Turm zu sehen, den die Grimmhands vor vielen Wochen besetzen und um den sich ein Lager aus marodierenden Räubern und Plünderern bildete – dies war Gellirs Ziel. Eine Weile streife ich noch durch die karg begrünten Wälder, als ich aus der Ferne lautes Stimmengewirr wahrnehme – Zwerge schreien sich an, trunkenes Gröhlen ist zu vernehmen, ich habe das Lager erreicht. Vorsichtig schleiche ich zwischen den Felsen richtung Lärm; die Grimmhands haben viele Verbündete angezogen, das Lager erstreckt sich über mehrere Ebenen in den Tälern des Vorgebirges. Zelte aus Tierhäuten bieten Schutz vor Wind und Wetter, viele Lagerfeuer prasseln in der Mittagshitze, der Geruch von Gebratenem steigt auf. Ohne einen Laut von mir zu geben, nähere ich mich der ersten Gruppe; sie sitzen mit Humpen in den Händen um ein Feuer, grölen alte Trinklieder und prosten sich immer wieder lautstark zu – die Stimmung ist ausgelassen. Ich beschließe ohne großes Versteckspiel an ihnen vorbeizugehen – in ihrem Zustand werden sie Freund und Feind nicht unterscheiden können, wenn es sich dabei um einen Zwerg handelt.
Ich wähne mich schon in Sicherheit, als ich unbedacht mit einem vorbeieilenden Zwerg zusammenpralle. Das schwere Bierfass, welches er auf seinen Schultern trug, zerschellt auf dem dreckigen Erdboden. Erstarrt vor Schreck blicke ich in die wutverzerrten Gesichter der eben noch feiernden Grimmhands. “Pass doch auf!”, blafft mich der Faßträger an, “Und wer bist du überhaupt? Dich habe ich hier noch nicht gesehen!” Fragend blicken alle auf mich und noch bevor ich antworten kann, schreit einer aus ihren Reihen: “Was fragst du da? Er hat unser Bier verschüttet und dafür soll er zahlen. Packt ihn!” Ich reagiere blitzschnell, packe den neben mir stehenden Faßträger und versetze ihm einen kräftigen Schlag in die Magengrube. Sich vor Schmerz krümmend taumelt er zwischen der aufgebrachten Menge und mir und mit einem Tritt landet er zwischen den anrennenden Betrunkenen – eine wilde Rauferei entbrennt. Die benebelten Gemüter der Zwerge kennen kein Einhalten und schlagen auf alle um sich Stehenden ein. Solch eine Prügelei hab ich das letzte Mal vor einigen Jahren in der Schenke in Thorins Hallen miterleben dürfen – herrlich.
Heftige Schläge werden von mir ausgeteilt und eingesteckt, doch nach einer Weile entferne ich mich aus dem Tumult und schleiche weiter in das Lager. Plötzlich stehe ich vor einem Steingrab. Es gibt keine Inschrift, doch liegt ein Schild aus Gondamon auf den Steinen. Von einem vorbeigehenden Zwerg in einfacher Kriegsmontur erfahre ich, das vor wenigen Tagen Abgesandte aus Gondamon in das Grimmhandlager kamen und auf Geheiß von Skíthi Schwarzhand niedergemetzelt wurden, ohne ihre Botschaft anzuhören. Lachend geht der Zwerg weiter. Ich weiß, dass Áskell diese Nachricht nicht herbeigesehnt hat, doch wird die Gewissheit um den Verlust seines Bruders für Ruhe in seinem Geist sorgen. Noch mehr wird der Durst der Rache Áskell vorantreiben und ebenfalls in den Tod ziehen, wenn er sich auf der Suche nach Schwarzhand allein in das Grimmhandlager wagt.
Ich werde ihm diese Aufgabe abnehmen und die Ered Luin von diesem Ganoven noch in dieser Nacht befreien. Unerkannt wandle ich weiter durch das riesige Lager; hier und da höre ich Berichte von Überfällen auf Karawanen und von der Belagerung Gondamons. Die Grimmhands scheinen allgemein kein großes Interesse an den Scharmützeln zu haben, doch treibt sie eine Angst an, die sich in ihren Gesichtern widerspiegelt, wenn sie von ihrem zurückgekehrten Anführer sprechen. Einige andere hingegen begrüßen die neuen Verbündeten ihres Meisters, doch spricht niemand offen über sie, sodass ich keine neuen Informationen über Ivar Bluthand erlange – meine Suche muss an anderem Orte weitergehen.
Im Laufe des Nachmittages bringe ich den Aufenthaltsort Schwarzhands in Erfahrung, außerdem erzählt mir ein vollkommen alkoholisierter Zwerg, dass ihr Anführer seine Mahlzeiten stets allein – abgeschieden von seinen Wachen und anderen Grimmhands – zu sich nimmt, während ich ihm einen Humpen nach dem anderen spendiere. Mit diesen Informationen bahne ich mir einen Weg durch die Gruppen an Brandschatzern und Plünderern, als der Tag zu Ende geht. Vollkommen allein und unbewaffnet finde ich schließlich Skíthi Schwarzhand am Feuer sitzend. Ich vermeide einen offenen Kampf, indem ich mich von hinten an ihn heranschleiche. Ich bin mir wohl bewusst, dass ich gegen seine gepanzerten Wachen nicht den Hauch einer Chance hätte. Ein einfach Dolchstich beendet sein Leben, kein Tönchen entkommt seiner durchstoßenen Kehle – meine Arbeit ist getan.

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